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Der BIM-Stufenplan – wie Deutschland sich vernetzt

Der BIM-Stufenplan – wie Deutschland sich vernetzt
Ab Ende 2020 sollen alle öffentlichen Aufträge im Infrastrukturbereich in Deutschland digital gebaut und geplant werden. Die Deutsche Bahn nimmt dabei eine Pionierrolle ein. Mit freundlicher Genehmigung von Deutsche Bahn AG.

VON FRIEDERIKE VOIGT

Die Verbindung zwischen der Elbphilharmonie in Hamburg, Stuttgart 21 und dem Berliner Flughafen ist bei einigen Kritikern als das „Deutsche Bermudadreieck“ bekannt. Um solche Finanzgräber im „Land der Ingenieure“ in Zukunft zu vermeiden, setzt auch Deutschland vermehrt auf digitales Bauen. Mit dem BIM-Stufenplan soll das gelingen. Eine Zwischenbilanz. 

Es steht im Koalitionsvertrag gleich zweimal, auf Seite 75 und Seite 115: Die Bundesregierung will zunehmend auf die digitale Planungsmethode „Building Information Modeling“ (BIM) setzen, um zukünftig Kosten zu minimieren und Risiken zu reduzieren. Im Detail heißt das nun: Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge für den Bundesinfrastrukturbau und den infrastrukturbezogenen Hochbau ist ab 31. Dezember 2020 die Nutzung von BIM ein verbindliches Kriterium. Damit folgt die Bundesregierung nicht nur dem Koalitionsvertrag, sondern auch einer EU-Richtlinie.

Pilotprojekte bereiten auf die Zukunft vor

Um die BIM-Einführung in Deutschland sukzessive voranzutreiben, wurde ein sogenannter BIM-Stufenplan ins Leben gerufen. Bereits 2015 gab es erste Pilotprojekte im Infrastrukturbereich, weitere folgten. Dazu gehören beispielsweise die Filstalbrücke im Neubauprojekt Wendlingen-Ulm und die Erneuerung der Brücke über den Petersdorfer See in Mecklenburg-Vorpommern. Für insgesamt 30 Piloten und deren wissenschaftliche Begleitung verfügt das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur einen Etat von insgesamt 35 Millionen Euro. Mit den Projekten will die Bundesregierung Erfahrungen im Bereich BIM sammeln und herausfinden, welche Anforderungen bei zukünftigen Ausschreibungen berücksichtigt werden sollen.

Bis zur flächendeckenden Implementierung von BIM ist es ein langer Weg. Der BIM-Stufenplan der Bundesregierung soll mit Hilfe von Pilotprojekten bei der Integration helfen.

Dirk Münzner begleitete einige der Projekte. Nicht nur als Geschäftsführer des Planungsbüros Boll und Partner, sondern auch als Vizepräsident des BIM CLUSTERS in Baden-Württemberg liegt ihm digitales Bauen besonders am Herzen. Er ist überzeugt: „Wer will schon den Keller voller Aktenordner haben?“ Dennoch adressiert er die Herausforderungen, die mit den Pilotprojekten auf die Baubeteiligten zukamen: „In der Infrastrukturplanung mussten wir erstmal die verschiedenen Daten aus GIS, BIM und anderen Gewerken wie dem Entwässerungsplaner in ein Koordinationsmodell zusammenbringen. Da ist aus unserer Sicht als BIM-Manager die Kooperation zwischen Autodesk und ESRI genau der richtige Schritt gewesen.“

Datenaustauschstandard nun auch im Infrastrukturbau

Auch der weltweit akzeptierte Datenaustauschstandard mit dem Namen „Industry Foundation Classes“ (IFC), der seit 2005 als ISO-Standard für den Hochbau vorliegt, hält nun Einzug in den Infrastrukturbereich. Auf nationaler Ebene kommt der Objektkatalog für das Straßen- und Verkehrswesen, kurz OKSTRA, zum Einsatz. In Deutschland ist es der Standard schlechthin, der alle Bereiche vom Straßenentwurf über die Bestandsdokumentation bis zur Erfassung von Verkehrsdaten umfasst. „In der Standardisierung für den Datenaustausch zwischen verschiedenen Softwareapplikationen haben wir enorme Fortschritte gemacht“, bestätigt Prof. Dr.-Ing. Markus König von der Ruhr-Universität Bochum. Er begleitet im Rahmen des Teams BIM4INFRA2020 die Pilotprojekte des Bundes wissenschaftlich und gibt Empfehlungen aus.

Die Nutzung von BIM im Pilotprojekt Tunnel Rastatt. Mit freundlicher Genehmigung von Deutsche Bahn AG.

Die Arbeitsgemeinschaft BIM4INFRA2020 hat beispielsweise beraten, wie die HOAI (Honorarverordnung für Architekten und Ingenieure) – die erstmals in den 1970er-Jahren verfasst worden ist – mit der modernen Arbeitsmethode BIM vereinbar ist. Oder wie es sich verhält, wenn der Auftraggeber das ursprüngliche Modell des Architekten später während des Betriebs nutzen und verändern will. „Für solch einen Fall sind erweiterte Nutzungsrechte nötig“, erzählt König. Erst vor kurzem wurden aktuelle Ergebnisse mit detaillierten Handlungsempfehlungen veröffentlicht.

Nach Königs Ansicht besteht eine Hauptaufgabe für die Zukunft in der „Schulung von Mitarbeitern/innen bei der Anwendung von BIM für die kooperative Zusammenarbeit“. Ähnlich sieht es das größte Eisenbahnverkehrsunternehmen in Mitteleuropa: die Deutsche Bahn (DB), die zu 100 Prozent dem Bund gehört.

Deutsche Bahn nimmt Pionierrolle ein

Der Ingenieur Dirk Münzner betont die Pionierrolle, die der Konzern in dem Stufenplan einnimmt – vor allem in Hinblick auf vergleichbare Unternehmen in den Nachbarstaaten. „Der Deutschen Bahn muss man nicht mehr erklären, was die Vorteile von BIM sind. Die Kollegen haben das längst verstanden“, berichtet er. In der Tat beschäftigt sich die Deutsche Bahn bereits seit 2011 mit dem Thema – lange bevor der Stufenplan zum Einsatz kam – und treibt digitales Bauen seitdem voran. Dabei arbeitet die DB erfolgreich mit Autodesk-Technologie wie Revit oder Infraworks.

„Ein finanzieller Vorteil ist bei richtiger Anwendung von BIM als sicher anzunehmen. Die Höhe hierbei hängt natürlich vom Durchdringungsgrad ab, die Vermeidung von Redundanzen spielt hier eine wesentliche Rolle. Aufgrund der hohen Investitionssummen bei den Infrastrukturprojekten würde eine Einsparung von nur 1 Prozent einen dreistelligen Millionenbetrag ergeben“, erklärt Thorsten Baum, verantwortlich für kaufmännische Aufgaben im Vorstandsressort Infrastruktur bei der Deutschen Bahn.

Nicht nur in Deutschland ein Thema – BIM beschäftigt den ganzen Globus. Mit freundlicher Genehmigung von BIMobject.
Nationales Kompetenzzentrum soll BIM-Wissen bündeln

Um die Empfehlungen, Ergebnisse und Lehren der Pilotprojekte der vergangenen Jahre zu bündeln, gründete das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat erst vor Kurzem ein sogenanntes Nationales BIM-Kompetenzzentrum. Den Zuschlag hierfür erhielt das Unternehmen planen-bauen 4.0 GmbH, das der Bundesregierung bereits zuvor im Rahmen des Stufenplans beratend zur Seite stand.

Ziel soll es sein, für ein einheitliches und abgestimmtes Vorgehen im Infrastruktur- und Hochbau zu sorgen sowie die Digitalisierung im Bauwesen zu beschleunigen. „Die Einrichtung des Kompetenzzentrums, in Ergänzung zur planmäßigen Umsetzung des Stufenplans, ist ein weiterer Meilenstein im Prozess der Digitalisierung des deutschen Bauwesens und eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung von Bundesbauprojekten. Zudem bietet die Methode ‚Building Information Modeling‘ die Möglichkeit, neue Technologien, wie beispielsweise Künstliche Intelligenz, Robotik und 3D-Druck, künftig effektiv zu integrieren“, so Bundesminister Andreas Scheuer aus Anlass der Gründung des Zentrums.

Das Zentrum ist damit seit Juni 2019 die zentrale Anlaufstelle für BIM-relevante Informationen. Zudem ist das Team rund um die planen-bauen 4.0 GmbH für die Entwicklung und Umsetzung einer einheitlichen Normungsstrategie verantwortlich. Ein BIM-Portal mit Datenbank, Prüfwerkzeugen und BIM-Objekten soll außerdem entwickelt werden sowie Aus- und Fortbildungskonzepte entstehen – alles unter Federführung des Nationalen BIM-Kompetenzzentrums, das die wichtigsten Akteure vernetzen und Fachwissen bündeln soll. Denn BIM – und da sind sich alle Experten einig – kann als größte Innovation der Baubranche nur gemeinsam gelingen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Redshift, einer Autodesk-Publikation, um Designer, Ingenieure, Architekten und Hersteller zu inspirieren. Haben Sie Lust auf mehr Inhalt? Abonnieren Sie den Redshift-Newsletter.